Ungebrochenes Engagement vor allem älterer Menschen


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Umfrage gibt erstmals Einblick in die Situation der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in Münster/ Ausländeramt einziger Kritikpunkt seitens der Behörden

Münster, den 13.01.2017. Münsters Flüchtlingshelfer haben Durchhaltevermögen. Über 80 Prozent engagieren sich seit mehr als sechs Monaten. Es sind vor allem Menschen über 40, die sich vorrangig in Sprachkursen oder in der Kinderbetreuung betätigen. Das belegt eine Umfrage unter den Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe Münster Ost. Nur rund die Hälfte der Engagierten fühlt sich immer genug in ihrer Tätigkeit unterstützt und 22 Prozent berichten über seelische Belastungen. Insgesamt scheint die Zahl der wirklich kontinuierlich mitarbeitenden Helferinnen und Helfer gesunken zu sein.

Durchgeführt wurde die Umfrage ehrenamtlich durch das Medienhaus Münster. „Senioren sind das wichtigste Rückgrat unserer Arbeit“, lobt Babette Lichtenstein van Lengerich, ehrenamtliche Mitbegründerin der Flüchtlingshilfe Münster Ost, das Engagement der älteren Generation. 23 Prozent der Helferinnen und Helfer seien über 40 Jahre alt, 41 Prozent über 55 und weitere 14 Prozent sogar über 70. „In der Hochphase der Flüchtlingskrise 2015 haben sich auch viele jüngere bei uns gemeldet, vor allem Studenten.“ Nicht wenige davon seien jedoch inzwischen in ihren Alltag zurückgekehrt.



An der Umfrage haben sich 69 Personen beteiligt, die im ca. 300 Köpfe starken Helferpool der Flüchtlingshilfe Münster Ost registriert sind. „Für uns ist auch die Beteiligung ein wichtiger Indikator. Denn die verhältnismäßig geringe Rückmeldung ist auch ein Indiz dafür, dass die Zahl unserer aktiven Mitarbeiter gesunken ist“, so Hans-Dieter Sauer, hauptamtlicher Koordinator der Flüchtlingshilfe Münster Ost. Die verbleibenden seien jedoch echte Marathonläufer. „32 Prozent engagieren sich seit über 12 Monaten bei uns und weitere 49 Prozent seit über einem halben Jahr.“ Die durchschnittliche wöchentliche Einsatzzeit liege zwischen einer und sechs Stunden.



„Interessant ist auch, dass die meisten Helfer sich mit einem bestimmten Arbeitsbereich identifizieren“, berichtet Pfarrer Reinhard Witt. „Sprachunterricht war mit gut 20 Prozent die am häufigsten genannte Tätigkeit, gefolgt von Patenschaften.“ Nur 15 Prozent würden Alleinstehende oder Einzelpersonen betreuen, der Fokus liege eindeutig auf der Arbeit mit Familien (26 Prozent) oder Gruppen (44 Prozent). Die meisten Rückmeldungen gab es von Helfern aus der Warendorfer Str., der Gutenbergstr. und der Lützowkaserne. „Die meisten unserer Helfer, nämlich gut 80 Prozent, engagieren sich nur in einer der acht von uns betreuten Einrichtungen und arbeiten dort sehr selbständig“, so Witt.



„Besonders wichtig war uns, neben den rein statistischen Daten auch etwas über die Befindlichkeit unserer Helfer zu erfahren“, berichtet Hans-Dieter Sauer. 54 Prozent sagen, dass sie sich in ihrer Arbeit immer genug unterstützt fühlen. Über 20 Prozent geben an, dass sie sich immer oder manchmal seelischen Belastungen ausgesetzt sehen. „Um hier noch besser zu werden, brauchen wir mehr hauptamtliches Personal“.



„Mir persönlich lag die Frage nach kritischen Anwürfen aus der Bevölkerung - egal ob persönlich oder in sozialen Netzwerken - sehr am Herzen“, berichtet Babette Lichtenstein van Lengerich. „Es war beruhigend zu sehen, dass hier immerhin 58 Prozent angeben, dass sie sich niemals solcher Kritik ausgesetzt sehen, der Rest nur selten oder manchmal.“ Zu berücksichtigen sei hier allerdings, dass die Umfrage im 3. Quartal 2016 durchgeführt wurde. „Ob sich diese Werte durch die jüngsten Attentate geändert haben, können wir nicht sagen.“



Im Rahmen der Umfrage wurde den Teilnehmern auch die Gelegenheit gegeben, sich individuell zu den Erfahrungen mit Behörden, aber auch mit Flüchtlingen zu äußern. Seitens der Behörden gab es gute Noten für die Mitarbeiter im Integration Point, bei der HWK und im Jobcenter. Kritische Stimmen gab es nur gegenüber der Ausländerbehörde. Die Kritikpunkte hier: Anonymes Agieren, das Ehrenamt wird nicht ernst genommen und es wird Arbeit der Behörden auf das Ehrenamt delegiert. Lange Wartezeiten sowie fehlende Ansprechpartner und Dolmetscher wurden ebenfalls benannt.



„Schön ist auch, dass viele unserer Helferinnen und Helfer die Arbeit mit den Flüchtlingen als persönlich bereichernd empfinden“, betont Pfarrer Reinhard Witt. Man empfinde diese als freundlich und dankbar. „Es wird auch über eine starke Motivation und Lernbegierigkeit besonders bei den Kindern berichtet. Auch den Gemeinschaftssinn loben die Befragten sehr.“



Problematisch sei bei einigen wenigen erwachsenen Flüchtlingen das wenig ausgeprägte Interesse am Erlernen der deutschen Sprache. „Wir vermuten, dass es sich hier vor allem um Menschen mit unsicherem Status oder schlechter Bleibeperspektive handelt. In solchen Fällen wird gemeinsam an Themen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Konzentration gearbeitet“, beschreibt Hans-Dieter Sauer das Zusammenspiel von Fordern und Fördern in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit. „Wir freuen uns jedenfalls sehr, dass sich so viele Menschen über einen so langen Zeitraum für dieses Thema einsetzen und hoffen, sie bleiben auch weiterhin mit uns am Ball.“